Cyber Love – Rien ne va plus

Der stinkreiche Besitzer einer bekannten Friseurkette versucht schon seit Monaten bei ihr zu landen und schwärmt ihr von seinen Besuchen in Monte Carlo vor: mit seinem Privatjet fliegt er nach Nizza, dann geht es mit dem Helikopter weiter nach Monte Carlo, wo er stets im Hôtel de Paris residiert. Aus alten Filmen weiß sie, dass es den Leuten Glück im Spiel bringt, wenn man zuvor den Nasenrücken des Bronzepferdes, das sich in der Lobby des Hôtel de Paris befindet, streichelt.

 

Kaum betritt sie das Hotel, befolgt sie dieses Ritual. Im Café de Paris sitzt sie und Richard am Nachmittag zusammen. Sie genießt diesen besonderen Augenblick in ihrem Leben, den sie nicht jeden Tag erleben darf. Es war schon immer ihr Wunsch gewesen, einmal einen Champagner zu trinken, wo alljährlich das Formel 1 – Rennen stattfindet. Richard hingegen wird dabei nur ungeduldig. Lediglich Black Jack in den Salons Privés, macht ihn heiß.

 

Es ist ein Privileg, in diesen Räumen allein gegen den Croupier, und damit genaugenommen gegen das Casino, spielen zu dürfen. Sie aber will noch nicht in die Spielbank, sondern möchte lieber Monte Carlo besichtigen. Das Schloss, das Straßenleben, das Flair der Stadt, einfach alles in sich aufnehmen. Schließlich ist sie zum ersten Mal hier und morgen würden sie schon wieder zurückfliegen. Die Spielbank reizt sie zwar, aber sie hat kein Spielgeld.

 

Richard nervt. Er ist nervös und zappelt bei Tisch wie ein ungezogenes Kind. Sein Drang, die Spielbank nebenan zu besuchen, wird immer größer. Wütend zischt er ihr zu: „Dann gehe ich eben allein!“, steht auf und verschwindet. „So ein Kerl, lässt mich einfach hier sitzen!“, denkt sie sich und schaut ihm wütend hinterher.

 

Das Casino ist hell erleuchtet. Die Eingangstür und die hohen Wände haben etwas Edles, Vornehmes. Ja, die Belle Époque, das wäre ihre Zeit gewesen, keineswegs der Krankheiten oder Lebensbedingungen wegen, aber diese Kleider, die Inneneinrichtungen, die Architektur, der Stil: alles so verschwenderisch und pompös. Diese extreme Üppigkeit, die liebt sie: Überall an den Wänden und Böden überbordende Blumenmuster, die Vorhänge mit mehreren Stoffbahnen übereinander kunstvoll drapiert und mit Franzen und Quasten versehen, überall Samt und Spitzenüberzüge, Kunst, Skulpturen, Marmor und Gold.

 

Im vorderen Bereich des Casinos drängelt sich das gewöhnliche Volk, wie die großen Spieler es zu nennen pflegen. Sie quetscht sich am Volk vorbei und fragt einen Casinomitarbeiter nach dem Weg zu den Salons Privés. Als sie Richards Vor- und Zunamen nennt wird sie zu ihm gebracht.

 

Hier in diesen Räumen wirkt alles wie ausgestorben. Einzelne Spieler, jeder für sich an seinem eigenen Black-Jack-Tisch, punkten gegen einen Croupier, der die Bank vertritt. Fünf Tische sind im Einsatz. Immer wenn ein reicher Schnösel kommt wird sofort ein weiterer Tisch eröffnet. Richard freut sich, sie zu sehen. Er bittet sie, Platz zu nehmen. Sie soll ihm Glück bringen. Der Kellner bringt ihr ein Glas Champagner und ihm einen Martini on the Rocks.

 

Der arme Teufel hat kein Glück. Mal stapeln sich die Jetons und dann nehmen sie wieder rapide ab. Sie langweilt sich. Früher hätte ihr das Herumsitzen und Champagnertrinken gefallen, aber, nun, wo sie selber gerne spielt, langweilt sie sich als Glücksbringerin zu Tode.

 

Was gäbe sie dafür, in einem Straßencafé zu sitzen und Monte Carlo zu genießen. Stattdessen sitzt sie wie angekettet hier und quält sich. Sie kapiert diese dumme Art zu spielen nicht. Immer wenn sie bemerkt, dass es mit dem Spielgeld bergab geht, dann hört sie auf und geht, denn Glück hat man entweder sofort oder gar nicht.

 

Richard wird immer ungemütlicher und wettert vor sich hin. Der Croupier kann, Gott sei Dank, kein Schwäbisch, würde er sich sonst Kosewörter wie ‚Seggel*‘ und ‚Dubbel*‘ gefallen lassen? Sie kann nicht länger stillsitzen. „Warum wechselst du nicht den Croupier oder das Spiel?“ Das hätte sie lieber nicht fragen sollen. Sein Gesichtsausdruck verändert sich schlagartig. Sie spürt, dass er wütend wird. Es ist peinlich, wie er den Croupier beschimpft. Sie muss weg und zwar sofort. Im Laufschritt macht sie sich davon in den nächsten Salon, in dem wird Baccara gespielt.

 

Hier fühlt sie sich wohl. Das ist ihr Spiel. Warum spielt Richard nicht hier? Der Tisch ist kaum besetzt. Das Anfangsgebot beträgt 1.500 Euro. Hat der arme Kerl schon so viel verloren, dass er nicht mehr genügend Geld für den Einsatz hat? Eine Weile beobachtet sie die Anwesenden und merkt schnell, dass keiner seine Bank unter 10.000 Euro eröffnet. Hier gibt es keine Gefühlsausbrüche. Die Spieler sind still und wohlgesittet. Wie gebannt, beobachtet sie das Spiel und den Croupier, der in seinem Stuhl fast einschläft. Steif, teilt er mit trägen Bewegungen die Karten aus und stapelt rasant die Jetons. Fast 600.000 Euro. Hier schimpft, schreit oder flucht keiner, wenn er verliert. Nicht einmal beim Gewinn stößt die Crème de la Crème einen Laut aus.

 

Richard verliert an diesem Abend alles. Härte und Verbitterung sind ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Wird er nach einer Möglichkeit suchen, seinen Verlust zurückzugewinnen? In einer Spielbank kann man schließlich so ziemlich alles zu Geld machen. Schecks, Designeruhren, Diamanten, Gold und sogar Handtaschen, solange sie der letzte Schrei sind. Wenn einer verliert, beobachten ihn die anderen. Besitzt er etwas, was  einem gefällt, wird in der Verlustphase gefragt: „Wieviel willst du für den Ring oder für deine Uhr?“ Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt, denn Geld wird zum Weiterspielen benötigt und nur so kann man das Verlorene wieder zurückgewinnen. Einige leben von diesem Geschäft, denn der Zinssatz ist alles andere als niedrig, zumal er stündlich erhoben wird. Richard, der clevere Geschäftsmann, hat natürlich vorgesorgt und weder eine teure Uhr, noch Kreditkarten dabei. Er fragt sie nicht einmal, ob sie ihm Geld leihen kann. Und somit ist das Spiel für ihn beendet: Rien ne va plus.

 

 

*Schwäbisches Schimpfwort

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s