Cyber Love – Flugzeuge im Bauch

Sie ist sofort verzaubert von dem Russell-Crowe-Verschnitt, der sie mit ihrem Vornamen anschreibt, da er sich zuvor über Google informiert hatte. Er zitiert Byung Chul Han, liebt Paris, würde mit ihr in die Oper gehen, mag Fußball ebenso wenig wie sie und möchte lieber bei Kerzenschein mit ihr ein Glas Wein trinken und philosophieren. Ein sehr großer, stattlicher Mann und allein der Gedanke, dass sie nun endlich problemlos ihre ganzen High Heels mit ihm ausführen kann, lässt sie dahinschmelzen. Er liebt die Natur und glaubt an Mystik – vielleicht ist das Internet doch der richtige Weg – die Chance der Moderne? Es ist das erste Mal, dass sie ihren Status auf „verliebt“ setzt. Ja, richtig, sie hat sich in ein Profilbild verliebt! Der erste Eindruck, der erste Blick, schreibt sich in das Gedächtnis ein, heiligt das Objekt und macht es zum Objekt Begierde. Russel Crowe ist seit vielen Jahren Mitglied in dieser Community und dementsprechend alt sind seine Bilder, dies bemerkt sie allerdings erst, nachdem sie Feuer gefangen hat.

 

Er reserviert einen Tisch in der Speisemeisterei, einem mit einem Michelin Stern versehenen Restaurant. Der Abend soll für beide unvergesslich werden. Immerhin könnte das der Anfang einer gemeinsamen Zukunft sein. DieFrau bekommt es mit der Angst zu tun, denn ein romantischer Abend bei Kerzenschein ist eine ihrer Schwachstellen. Gutes Essen, erlesener Wein und dazu noch Kerzenschein, damit kann man sie erobern. Sie würde ihm spätestens beim zweiten Glas Wein verfallen! Deshalb entscheidet sie sich dagegen und will ein nüchternes Treffen auf einem Lidl-Parkplatz. Sie will den Menschen hinter dem Profilbild und seinen Charakter kennenlernen und da ist es besser, sich nicht von der Umgebung oder dem edlen Ambiente verleiten zu lassen. Beim ersten Date will sie sich von absolut nichts und niemandem ablenken lassen. All das aufgesetzte, romantische Zeug wird sie vorerst ganz weit nach hinten schieben.

 

Da sitzt sie nun pünktlich zur vereinbarten Uhrzeit einsam und verlassen in ihrem Auto. Um sie herum ist es dunkel. Vor ihr liegt etwas weiter entfernt der Eingang zum Discounter, der ein schwaches Licht auf einen alten Van wirft, dem einzigen anderen Fahrzeug in Sichtweite. Während sie den Motor laufen lässt, schaltet sie die Scheinwerfer an und aus, um ihm damit ein Zeichen zu geben, falls er dort auf sie wartet. Aber es kommt keine Reaktion. “Der blöde Hund, lässt mich warten, der hat keine Ahnung, mit wem er es zu tun hat,“ faucht sie wütend und wird zunehmend ungehalten. „Wenn er es ernst mit mir meinen würde, wäre er vor mir hier gewesen.“ Eine schwarze Katze läuft 200 Meter vor ihrem Auto von links nach rechts. Der Nebel und die Kälte hinterlassen eine Stimmung wie auf dem Friedhof der Kuscheltiere.

 

Schlagartig fällt all ihre Wut ab und wandelt sich in ein Herzflattern, ein Wagen hat gezielt vor ihr gehalten. Sie steigt aus, geht zur Beifahrertür des Wagens, öffnet diese und steigt wie selbstverständlich ein. Als sie sich jedoch im Halbdunkel begrüßen, ist sie enttäuscht, er sieht viel älter aus und sehr verlebt. „Fuck, zuerst kommt er zu spät und nun muss ich mir den Kerl auch noch jung trinken?“ Sie fahren in eine Bar.

 

Auf dem Weg vom Parkplatz zur Bar reicht er ihr seinen Arm und hält ganz selbstverständlich die Türe für sie auf. Drinnen hilft er ihr aus der Jacke – ein echter Gentleman. Wenigstens imponiert er ihr durch seine lässige, selbstsichere Art und Etikette.

 

Wieder und wieder sucht sie nach Parallelen zwischen dem Kerl, der ihr gegenübersitzt und dem erhofften Bild von ihm. Irgendetwas. Die Augen, die Form des Mundes, irgendeine Ähnlichkeit mit seinem Profilbild, zu diesem ersten Eindruck, ihrem Objekts der Begierde. Reden ist keine ihrer Stärken, deshalb nimmt er die Konversation in die Hand. Er liebt Oldtimer und um das Ende einer langjährigen Beziehung zu verarbeiten, hat er sich einen zum Restaurieren gekauft. Er hat Recht, dass sie nicht viel erzählt, aber ist es nicht unhöflich, DieFrau darauf aufmerksam zu machen? Herrje, diese stereotypischen Nonsens-Unterhaltungen langweilen sie bis in die Steinzeit und noch ein paar Steine dazu. Ja, sie weiß, am Anfang reden die Menschen viel, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Aber DieFrau will nichts aus ihrem Leben erzählen, sondern lieber alles vergessen. Er wäre ohnehin schockiert und würde stehenden Fußes davonlaufen. Früher hat sie vieles, auch Aufregendes erlebt, flog ab und zu nach Nizza, ging in den teuersten Hotels der Welt ein und aus und saß mit Leuten wie Dodi Al-Fayet an einem Tisch. Sie erlebte Szenen, die andere nur aus Filmen kennen. Aber all das langweilt sie heute zu Tode und ist nicht der Mühe wert, auch nur erwähnt zu werden. Er merkt schnell das Unbehagen, das er in ihr ausgelöst hat und lenkt freundlich mit weiterem Small Talk ab. Unerklärlich, aber sein Zuckerbrot-und-Peitsche-Spiel gefällt ihr, das ist ein Mann mit Feuer.

 

Gegen Mitternacht verlassen sie die Bar.

 

Wieder zurück am Parkplatz gibt er sich schüchtern und zurückhaltend. Das wäre eigentlich ihr Part gewesen, dank des Weines jedoch befindet sie sich in einer Stimmung, in der sie alles und jeden provozieren kann. Die Gänsehaut, die sich Sekunden später um seinen Bauchnabel bildet, kommt nicht allein von der Eiseskälte. Sie küssen sich zum Abschied und nach ein paar wechselseitigen Lichthupen verschwinden die Autos in entgegengesetzter Richtung im Nebel. Auf Wolke sieben schwebend kommt sie zu Hause an. Er schreibt, dass er sie wiedersehen will. Sie bedankt sich für den schönen Abend und freut sich wie ein Honigkuchenpferd.

 

Schmetterlinge im Bauch? Nein. Flugzeuge, wie Herbert so trefflich singt. Seine freche Art und seine höflichen Umgangsformen, verleiten sie dazu, ihn ein paar Tage später zu Hause zu besuchen.

 

Seine großzügige Wohnung erinnert sie an ein früheres Leben, sein puristischer Lebensstil gefällt ihr, einen temperierten Weinschrank mit erlesenen Tröpfchen und einen offenen Kamin wollte sie auch schon immer… Wir können die Vergangenheit nicht ausradieren und sind, wer wir sind. Flashbacks: Champagner, Diamanten, Marmor, Kronleuchter, das Himmelbett und all die Träume, die nichts als Schäume waren. Nein, sie will keine Luftschlösser mehr, sie will Bodenständigkeit. Einen Mann, der für seine Träume kämpft, der aus eigener Kraft etwas erschafft und nicht auf Kosten anderer. Einer dem Äußerlichkeiten und aufpolierte Hüllen unwichtig sind.

 

Sie hat Mist gebaut und ihr ist diese Geschichte, die sie unter keinen Umständen erwähnen wollte, über die Lippen gekommen. Die Stimmung ist ruiniert. Mit wirren Gedanken verabschiedet sie sich und geht auf der Heimfahrt wieder und wieder den Abend im Kopf durch. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen. Da ist zu viel, was sie beschäftigt, zu vieles zwischen den Worten und Gesten. Oder bildet sie sich das alles nur ein? Weiß der Himmel welcher Teufel sie reitet, aber sie sendet ihm eine Mail, in der sie all ihre Gedanken und ihre Verärgerung über den Verlauf des Abends mitteilt. Das ist ein Fehler, denn derlei Informationen über Gefühlszustände überfordern jeden. Mit emotionalen Gefährten können nur wenige umgehen. Für DieFrau wiederum ist es ein „Muss“. Sie muss ihr Innerstes nach außen kehren und hat den Drang, sich mitzuteilen. Eine Beziehung ist immer Arbeit und man kann nur an etwas arbeiten, wenn man ein Ziel hat. Er ist schockiert und bittet sie darum, ihm nicht mehr zu schreiben.

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