Das Beste kommt zum Schluss

Sie sitzt in der Hotelhalle. Geduld oder auf einen Mann zu warten, gehört nicht zu ihren Stärken. Sie kommt sich wie eine Prostituierte vor, die auf der Lauer nach dem nächsten Freier liegt.

 

Was für eine blöde Idee, sich die Liebe im Netz angeln zu wollen. Frustriert bestellt sie einen Chardonnay. Lust, ein paar Gläser davon wie Wasser runterzukippen, hätte sie schon. Es ist beinahe Mitternacht als eine Horde Anzugträger durch die Eingangstüre strömt. Sie checkt einen nach dem anderen ab und entdeckt ihn.Über Wochen haben sie sich geschrieben, nun ist Bodo geschäftlich in München und sie haben sich verabredetet. Er kommt geradewegs auf sie zu.

 

Zu seiner Rechten geht ein Daniel-Craig-Verschnitt dessen Blick sie bis ins Mark trifft. „Wow, der entspricht absolut meinem Beuteschema.“ Seine Augen mustern sie von oben bis unten und bleiben auf Brusthöhe hängen. Schamlos starrt er sie an und zieht sie mit seinen Blicken aus. Die Internetbekanntschaft Bodo begrüßt DieFrau mit einer Umarmung und stellt ihr seinen Freund vor. Zu dritt gehen sie an die Bar. Bodo redet auf sie ein, doch sie kann ihm nicht folgen. DieFrau ist mit der Erkundung von Bodos Freund beschäftigt. Aufmerksamkeit vortäuschend, wendet sie sich Bodo zu, während sie der Unterhaltung des Fremden lauscht, der in ein Gespräch vertieft, links von ihr, an der Bar steht. „Mensch, sprich doch mit mir. Ich würde dich so gerne kennen lernen“, denkt sie und beobachtet aus dem Augenwinkel heraus seine Gesten. Endlich drängt er sich zwischen Bodo und DieFrau und zieht charmant das Gespräch an sich.

 

Hans weiß, wie man einer Frau imponiert und fragt sie grinsend: „Noch ein Glas Champagner für die Dame oder darf es etwas Anderes sein?“ „Danke. Sehr gerne.“, antwortet sie. Hans macht ihr Komplimente. Sein Auftreten ist lässig und charmant. Die beiden unterhalten sich angeregt und vergessen dabei Bodo, der immer mal wieder versucht, sich ins Gespräch einzuklinken. Letztlich sieht Bodo jedoch ein, dass er überflüssig ist, gibt auf und verabschiedet sich genervt.

 

Für Hans ist Schönheit nur in dem Maße relevant, in dem sie Moral und Charakter zum Ausdruck bringt. Als eine körperliche und geistige Eigenschaft. Die heutige Schönheitsindustrie beutet den Menschen aus, weil sie ihn sexualisiert und dadurch konsumierbar macht. Er hält nichts vom Kennenlernen im Internet. Das sei ein Geschäft mit dem Teufel. Ein Markt der Charakterlosigkeit. „Diese tausend Selfies, jeder zeigt sich halbnackt und präsentiert sich, bietet sich an. Das ist nichts weiter als Pornographie.“ Eine Frau ist für ihn erregend und schön, wenn sie ihn mit ihrem Wesen, der Aura, die von ihr ausgeht, fasziniert. Nicht nur einen Wohlgefallen in ihm auslöst, sondern ihn beinah schmerzlich bewegt, etwas an sich hat, eine Schönheit, die ihn in den Wahnsinn treibt, Besitz von ihm ergreift, so dass er pausenlos an die Frau denken muss, bis es ihn sogar schmerzt. Ja, er ist anders wie die Masse und lässt sich nicht so leicht blenden. Er bewundert DieFrau, ihre Kraft und den dazugehörenden Mut, die sie ihre Träume leben lässt. Geschäftlich hat er sehr viel erreicht in seinem Leben und vielleicht hat er sich zu sehr über seine berufliche Laufbahn definiert. Sie haben eine ähnliche Erziehung genossen und in den folgenden Stunden entdecken sie, dass sie auch ähnlich denken und viele Gemeinsamkeiten haben. Gegenseitige Sympathie fesselt beide bis in die frühen Morgenstunden an ihre Barhocker.

 

Als die Zeit des Abschieds gekommen ist, sucht Hans seine Visitenkarte heraus, notiert noch weitere Telefonnummern und übergibt sie ihr. Zum ersten Mal berühren sich ihre Hände. Alles um sie herum wird still. Sie schaut ihm in die Augen und denkt: „Küss mich, bitte, bitte küss mich!“ Er hält ihre Hand noch einen Augenblick und bittet sie, sich zu melden.

 

Einen Berg voller Glückshormone ausschüttend, geht sie in Richtung ihres Hotelzimmers. „Schade, warum hat er mich denn nicht geküsst?“ Hans folgt ihr. Nervös sucht sie Halt an ihrer Handtasche und dreht sich um. Lächelnd nimmt er ihre Hand und schaut ihr in die Augen. Sie schreit innerlich vor Glück: „Los, küss mich!“ Seine warmen Lippen berühren ihren Handrücken. Dann verabschieden sie sich erneut und sie fragt sich, ob sie ihn je wiedersehen wird?

 

 

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