Cyber Love

AnetteEinsamkeit breitet sich in ihrem Körper aus wie Hochwasser durch die Altstadt von Nizza. Ihre Personal Trainer, ihre Mädchen für alles, ihre kleinen und großen Helfer, alle weg, als ob jemand den Stecker rausgezogen hätte. Seit Monaten verlässt sie die Wohnung nicht mehr. Um nicht völlig zu verkümmern, holt sie sich etwas Selbstbestätigung, indem sie Abend für Abend mit anderen chattet, gemeinsam mit ihrem Freund, Merlot Vin de Pays DOC zum unwiderstehlichen Vorzugspreis von 1.39 € bei Feinkost Albrecht Süd.

 

DieFrau mailt Kilian aktuelle Fotos ihrer Schokoladenseite. Geile Teile, unverschämt gutaussehend! Er hingegen sendet ihr ein steinaltes Gammel-Passbild. So hat sie sich das nicht vorgestellt! Das Aussehen ist zwar nicht das Ausschlaggebende, aber etwas mehr Mühe seinerseits hätte sie sich schon gewünscht. Nun gut, sie wollte sich ja ursprünglich auf die, wie sagt man so schön, inneren Werte konzentrieren. Ein gutaussehender Mann wäre zwar nicht schlecht, aber da kommen ihr wieder Zweifel: DieFrau ist eifersüchtig, sehr eifersüchtig! Ihre bisherigen Männer waren nicht schön, aber gepflegt – und das Wichtigste: sie hatten Geld! Wenn Kilian wenigstens groß ist! 1,80 m wären gut, schließlich will sie ohne Komplexe die High Heels tragen können, die sie liebt! Über alles liebt! DieFrau besitzt vermutlich 250 Paar Schuhe. Schuhe sind für sie ein Ausdruck der Lebensqualität. Sie trägt ihre High Heels so gut wie immer und wortwörtlich mit Leidenschaft (Manch‘ Schuh lässt Frau wahrlich leiden!): zu Hause beim Fernsehen, im Bett beim Lesen, beim Essen… so wie ihre Pelzmäntel, die auf der Straße ruiniert werden könnten: Die Leute bewerfen einen womöglich mit Farbe. Die sind ja so bescheuert. Die Tiere sind ohnehin, seit Generationen vielleicht schon, tot und zudem hat sie einen Pelz geerbt.

 

Ein, zwei Mal im Jahr zelebriert sie ein feierliches Ritual, indem sie sich ein leckeres Menü kocht, den Tisch festlich mit Kerzen, weißer Tischdecke, dem guten Geschirr, … deckt… und eine Flasche Champagner öffnet. Dazu trägt sie High Heels und, nackt natürlich, einen ihrer Pelze. Schließlich muss sie diesen auf ihrer Haut fühlen. Ja, ja, sie hat eins an der Klatsche, aber ab und zu braucht sie diese Riten bis zum Abwinken.

 

Hoffentlich entpuppt sich Kilian als Gentleman, denn DieFrau möchte hofiert werden – wie eine Prinzessin! Das ist wichtig für ihr inneres Gleichgewicht, dadurch fühlt sie sich respektiert und empfindet sich als etwas Besonderes. Tür auf-, Tür zuhalten, in die Jacke rein- und raushelfen: das sind doch keine zu hohen Ansprüche, oder? Ist es zu viel verlangt, dass Mann einer Frau die Tür öffnet?

 

Bekleidet mit einem weißen, langen Rüschenrock und einer paillettenbesetzten, türkisfarbenen Chiffontunika, tritt DieFrau am Morgen die Reise durch Tau und Nebel an. Sie fühlt sich in ihre Teenagerzeit zurückversetzt. Schmetterlinge schlagen Purzelbäume in ihrem Bauch, und so lässt sie sich die Fahrt über mit Giovanni Pergolesis letztem Werk, Stabat Mater, berieseln. Beim Einparken steigert sich ihr Herzklopfen und ihre Hände beginnen zu zittern. Es ist ein bisschen wie Lampenfieber. Herrje, dieses Gefühl hatte sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr eines Mannes wegen. DieFrau fühlt sich oft beobachtet und denkt immer, dass jemand sie aus einem Versteck heraus beäugt: Big Brother is watching you. Mag sein, dass die Anlagen dazu in ihrer Kindheit gelegt wurden: Gott sieht alles. Das Gefühl hat sich dann später durch das Stalken ihres Exfreundes und wirklich üble Verfolgungsjagden der Gläubiger weiter verstärkt. Aus diesem Grund geht DieFrau langsam und betont selbstbewusst auf den Treffpunk zu, ein drittklassiges italienisches Restaurant, und stellt sich vor, es wäre das Café de Paris.

 

DieFrau öffnet die Tür und schon kommt ihr Kilian freudig entgegen. Himmel! Er hat eine Glatze! Wohl deshalb schickte er ihr das alte Passbild mit der voluminösen Haarpracht. Man sieht die Freude des Mannes deutlich und die ernüchterte Zurückhaltung der Frau. Kilian ist kein George Clooney, obwohl hässlich ist er auch nicht. Er wirkt klein und kompakt, hat ein rundes Gesicht und einen Bierbauch. Er versucht DieFrau an sich zu ziehen. Sie gibt ihm rechts und links ein Küsschen und bemerkt dabei den Geruch von süßlichem Schweiß. DieFrau weicht einen Schritt zurück. Er hat sich sichtlich schick gemacht und trägt ein weißes Hemd, dass er leider vergessen hat zu bügeln. Seine Augen glänzen und er schiebt DieFrau mit flacher Hand an ihrem Rücken zum Tisch. Gestern hätte sie am liebsten Telefonsex mit ihm gehabt, und jetzt?

 

Die beiden setzen sich und mustern sich wortlos. Das hier ist eine Absteige, ein schmuddeliger Italiener, wenn sie hier einer Kakerlake begegnete, dann entspräche das ihren Erwartungen. Er strahlt sie an wie ein Honigkuchenpferd. Seine Finger berühren ihre Hand. DieFrau zieht sie zurück. „Du siehst aus wie ein Engel.“ Erneut ergreift Kilian ihre Hand, aber dieses Mal lässt er sie nicht mehr los und beginnt ihren Arm zu streicheln. Unter seinen Fingernägeln sind schwarze Ränder, wie man sie von Automechanikern kennt. Was ist er von Beruf? Unternehmensberater. Aber dann in einem eher dunklen Gewerbe oder macht man sich bei diesem Job die Finger schmutzig? Langsam zieht sie erneut ihre Hand zurück „Lass uns etwas zu trinken bestellen.“ Vielleicht wird der Pinot Grigio die Stimmung lockern.

 

Er schneidet ein Stück von seiner Pizza ab, faltet es wie eine Serviette zusammen und lässt es im Mund verschwinden. Genüsslich kaut und schmatzt er, dabei plustern sich seine Wangen auf wie bei Popeye. Schade. Denkt er ernsthaft, damit zu punkten? So wie ein Mann isst, so ist er auch im Bett, sagte ihr mal eine Freundin. Kilian grinst, greift mit fettigen Fingern nach seinem Glas und prostet ihr zu. Sie schaut ihn fragend an in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, ein Grübchen, einen Leberfleck, etwas, in das sie sich verlieben könnte. Sie entdeckt aber nur die kleinen Schweißperlen, die sich an seiner Schläfe bilden, sich sammeln und zu einem großen Tropfen werden, der sich abwärts bewegt und in seinem Ohr endet. Dieser Schweißtropfen hinterlässt eine Spur, wie der klebrige Schleim einer Schnecke. Langsam aber sicher vergeht ihr der Appetit. Sie empfindet sich als Lady und will hofiert, umgarnt, umworben werden. Wo ist sie hier gelandet? „Hilfe! Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“

 

Das, was sie vor sich sieht, raubt ihr die Luft. „Was hab ich ihm am Telefon alles über mich erzählt?! Er kennt zu viele intime Dinge von mir. Wie konnte ich nur so leichtfertig sein, bin ich denn wahnsinnig gewesen?“ In immer kürzeren Abständen schlägt sie abwechselnd ein Bein über das andere. Wieder lächelt er sie an. Und sie? Sie könnte ihm mit geballter Faust in sein grinsendes Gesicht schlagen. Oder ihm eine Atombombe in den Arsch schieben. Im Internet hätte sie keine Hemmungen gehabt, ihm ihre Ablehnungen klarzumachen. Chatten ermöglicht die unmittelbare Übermittlung von Emotionen und erlaubt Affekthandlungen. Aber in der Realität sieht das anders aus. Sie starrt mit blasser Miene an ihm vorbei. „Kilian, ich glaube, ich empfinde für Dich eher nur so etwas wie Freundschaft.“ Schlagartig wechselt sein Gesichtsausdruck. Stockend sagt er nach einigen Sekunden „Aber Liebe kann doch auch wachsen.“ Die Situation macht DieFrau tieftraurig. War sie denn derart vereinsamt und verzweifelt? Alles wirkte am Telefon so vertraut und es sprudelte nur so aus ihr heraus.

 

Sie versucht sich zu erinnern, was an ihm sie so faszinierte. Er ist ein ehrlicher und treuer Kerl, einer, der sich um sie sorgen, kümmern, sich täglich nach ihrem Wohl erkundigen würde, zudem ist er sehr unterhaltsam und redegewandt und am Telefon brachte er sie unentwegt zum Lachen. Er war sehr verlässlich. Immer wenn er sagte, dass er am nächsten Tag um 9 Uhr anrufen würde, konnte sie die Uhr danach stellen. Das schaffte Vertrauen und dies ist die Basis für eine Partnerschaft. Sie ist unsicher und zweifelt ständig an sich und an dem, was sie tut. Er hätte ihr ruhiger Pol werden können, mit seiner Engelsgeduld. Es stört sie nicht, dass er kein Beau ist, denn sie ist ohnehin sehr eifersüchtig und extrem emotional, wobei sie auch mal über das Ziel hinausschießen kann.

 

Aber sein schlampiges Auftreten, sein Benehmen und sein süßlicher Geruch! Nein, mit solch einem Mann könnte sie nie ins Bett gehen. „Kilian, du bist nicht mein Typ. Du schmatzt beim Essen. Du hast keine Umgangsformen und zudem bist du ungepflegt. Es tut mir leid, ich kann das nicht.“ Er widert sie an, schlimmer als nach 17 Ehejahren Oliver Rose im Film ’Der Rosenkrieg’ seine Ehefrau Barbara. „Ich wünsche dir viel Glück und alles Gute.“ DieFrau steht auf und verlässt mit schnellen Schritten und dem Gefühl von wiedererlangter Freiheit den Ort des frustrierenden Geschehens.

Der Nächste bitte.

5 Gedanken zu “Cyber Love

  1. besser wie Film schauen…finde die Idee dieses Buch einfach toll weil es voll zu unsere Zeit passt, es enthält jetzt schon interessanten Charaktere und deine art der Schilderung ist unglaublich spannend und liebenswert. Kann kaum erwarten die nächsten Zeilen zu lesen….bomben geil

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